ToGü-Verlag
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Denkmal!

Es ist bekannt, dass sich der Großteil der römischen Eroberungsversuche Germaniens im Weser- und Leinebergland abgespielt haben. Zahlreiche Funde und historische Quellen belegen das. Was in den Jahrhunderten zuvor bei jedem anderen Land funktioniert hatte (Eroberung, Besetzung, Ausbeutung), ging jedoch in Germanien schief. Nach verlustreichen Schlachten in den ersten beiden Jahrzehnten nach dem Zeitenwechsel, gaben die Römer schließlich ihr Vorhaben auf und akzeptierten vorrübergehend den Rhein als Grenze. Anführer der Germanen in dieser Zeit war Arminius, ein Fürst der Cherusker. In der Varusschlacht im Jahre 9 n. Zw. vernichtete er drei römische Legionen. Meiner Meinung nach sogar acht weitere im Jahre 16 n. Zw. bei Idistaviso (siehe Gesetze der Freiheit - Das Scheitern Roms an Germanien). Tacitus schrieb über ihn: „unzweifelhaft der Befreier Germaniens und ein Mann, der nicht, wie andere Könige und Heerführer, das römische Volk in seinen Anfängen, sondern das römische Reich auf  der Höhe seiner Macht herausgefordert hat.“ Wenn der römische Historiker und Senator Tacitus jemanden als Herausforderer bezeichnet, der seine Heimat und seine Kultur gegen aggressive Eroberer verteidigt hat, sagt dies alles über das Selbstverständnis der Römer aus. Wie dem auch sei. Wenn Tacitus mit seinen Worten dem Arminius ein solches Denkmal setzt, dann sollte man doch meinen, dass die Cherusker oder auch Sachsen, wie sie später genannt wurden, es erst recht gemacht haben. Begeben wir uns also auf Spurensuche.

In meiner Geburtsstadt Hildesheim wurde 1868 bei Schanzarbeiten am Westhang des Galgenberges eine sensationelle Entdeckung gemacht. Der Kanonier August Armbrecht stieß in etwa zwei Meter Tiefe auf ein einzigartiges, hochwertig gearbeitetes, silbernes Tafelgeschirr aus der Zeit des Kaiser Augustus. Seitdem wird viel über diesen Schatz spekuliert. Einige vermuteten, dass es sich um das Geschirr eines hohen Offiziers aus der Varusschlacht handelt und am Galgenberg in einer Notlage vergraben wurde. In diesem Fall müsste auch der Schlachtort nicht weit davon entfernt gewesen sein. Für diese Theorie spricht der Name Hildesheim. Hiltia/Hildin heißt althochdeutsch Kampf/Schlacht. Hildesheim wäre somit die Bezeichnung für den Schauplatz einer kriegerischen Auseinandersetzung.

Der Fundort des Hildesheimer Silberschatzes heute.

 

Andere meinten, dass es sich bei dem Geschirr um die Siegesbeute des Arminius handelt und dieses von ihm geopfert wurde. Hierfür spricht, dass die Stücke planmäßig angeordnet und zwei Meter tief vergraben wurden. Auffällig ist auch, dass es sich nur um die eine Hälfte des Geschirrs handelt, die andere wurde niemals gefunden. Die sorgfältige Teilung spricht ebenfalls dafür, dass es sich um eine Beute handeln könnte. Auch in diesem Fall ist davon auszugehen, dass Arminius einen starken Bezug zu Hildesheim gehabt haben muss, denn so einen Schatz vergräbt man sicherlich nicht an einen Ort, der einem nichts bedeutet.

Wendet man sich von Hildesheim gen Süden, trifft man bei der Durchquerung des Hildesheimer Waldes auf altbekannte germanische Namen wie dem Hammberg, den Hamberg, den Rottberg, das Gut Röderhof oder die Ortswüstungen Rod und to dem Roden, sowie den roten Berg,. Bezüglich der Bedeutung der Rot- und Hamnamen verweise ich auf die Teile 3 und 4 der „Ach!“ Reihe.

Über den roten Berg gelangt man in das Dorf Sibbesse, welches erstmalig 989 als Sighebretthehusen erwähnt wurde. Östlich davon schließen sich die Dörfer Petze und Segeste an. Diese drei Orte Sibbesse, Segeste und Petze haben einen eindeutigen Bezug zur Familiengeschichte des Arminius.

Arminius wichtigster Verbündeter bei der Planung des Aufstandes gegen Varus war sein Vater Sigimer. Sein härtester Gegenspieler innerhalb der eigenen Reihen dagegen war sein Schwiegervater Segestes. Die Rivalität ging so weit, dass Segestes dem Varus die Pläne der Cherusker verpetzte. Varus schenkte ihm jedoch keinen Glauben und vertraute Arminius, der immerhin den Rang eines römischen Ritters innehatte, blind. Varus wurde vernichtend geschlagen und Segestes hatte fortan einen schweren Stand bei seinen Leuten. Er konnte das nie ganz verwinden und rächte sich bitterböse an Arminius, indem er ihm später seine schwangere Frau Thusnelda, also seine eigene Tochter, entführte und den Römern auslieferte. Ich glaube nicht, dass es Zufall ist, dass die Dörfer Segeste (Schwiegervater Segestes), Petze (der Verrat) und Sibesse (Vater Sigimer) nebeneinander liegen. Wobei man Sigimer nur rudimentär in Sighebretthehusen erkennt. Es kommen im Folgenden aber noch eindeutigere Hinweise auf Arminius.

Zweifelsohne erlangte Arminius durch seine unsterblichen Taten im Kampf gegen die Römer  für die Cherusker den Status eines Helden. Tacitus schrieb hundert Jahre nach seinem Tod über ihn: „Noch jetzt wird er bei den barbarischen (germanischen) Völkern besungen.“ Und genau wie man heute seinen Helden ein Denkmal setzt, damit sie unvergesslich bleiben, wird man es früher auch gemacht haben. Doch wie mag dieses ausgesehen haben?

Der Name Armin/Irmin/Ermen ist germanisch und bedeutet groß, gewaltig, heldenhaft. Bei der Christianisierung der Sachsen 800 Jahre nach Arminius durch Karl den „Großen“, wird erwähnt, dass die Sachsen ein Heiligtum verehrten, welches sie Irminsul/Erminsul nannten. Rudolf von Fulda schrieb 863: „Sie verehrten auch unter freiem Himmel einen senkrecht aufgerichteten Baumstamm von nicht geringer Größe, den sie in ihrer Muttersprache Irminsul nannten, was auf Lateinisch, columna universalis‘ bedeutet, welche gewissermaßen das All trägt.“ Da sul Säule bedeutet, handelt es sich bei der Irminsul um eine heldenhafte, gewaltige Säule. Diese Irminsäule wird ein ehrendes Denkmal der Sachsen an Arminius gewesen sein. Ähnliche Beispiele aus heutiger Zeit ist die Berliner Siegessäule oder die Waterloosäule in Hannover. Jakob Grimm, für den Niedersachsen der Hauptsitz des Irminkultes war, vermutete in der Irminsäule eine Bildsäule.

Die Ahnenverehrung spielte bei unseren Vorfahren eine viel größere Rolle als gegenwärtig. Die Verstorbenen und Alten werden heute oft als Belastung oder als unnütz und unproduktiv angesehen, wobei sie es doch eigentlich waren, die einem ein so komfortables Leben erst ermöglicht haben. Die Sachsen zurzeit Karls des „Großen“ wussten jedenfalls noch, wem sie was zu verdanken hatten. Vielleicht beruhen auf dieser Ahnenverehrung die christlichen Feiertage Allerseelen und Allerheiligen. Arminius war ihnen jedenfalls in Form der Irminsul unvergesslich geblieben. Er verkörperte die Werte, die den Cheruskern/Sachsen die Welt bedeuteten, eben alles und das ist der Grund, warum Fulda von der Irminsul als alltragende Säule schrieb. Nur wo mag die Irminsul gestanden haben?

Die Dörfer südlich des Hildesheimer Waldes.

 

Kommen wir zurück zu dem Beginn unserer Geschichte. Wir hatten Sigimir in Sibbesse gefunden, Segestes in Segeste, den Verrat in Petze. Die Dörfer weiter südlich können ebenfalls problemlos in die Arminiusgeschichte eingebaut werden. Grafelde wird offiziell als Gräberfeld gedeutet. Sehlem und Sellenstedt sind wieder ein Hinweis auf die Ahnenverehrung und den Glauben an die Seele der Verstorbenen. Wrisbergholzen wird erstmals erwähnt als Thiderikes Holzhusen. In der Silbe Thi finden wir unser altbekanntes Thing genauso wie in einer weiteren Wüstung bei Sibbesse mit dem Namen Thideressem. In Harbarnsen finden wir die Straßen Tielinge und Alterrathsfeld. Auf Höhe des Dorfes Adenstedt beginnt der mystische Sackwald. Adenstedt wird eigentlich Asenstedt geheißen haben, zumal ich in dieser Gegend die nicht lokalisierte Wüstung Asentide vermute. Wahrscheinlich handelt es sich bei Adenstedt sogar um das gesuchte Asentide, zumal Adenstedt Sitz eines Gogerichts war. Der Thingstein ist noch heute vorhanden.

Im Sackwald finden wir die Berge Paradiesgarten und Teufelskirche, die Burganlagen Tiebenburg, Winzenburg und Hohe Schanze, sowie die berühmte Apenteichquelle. Am Fuß eines Steilhangs sprudeln hier mehrere Quellen aus dem Boden hervor. Von überall kommen Leute her, um sich aus diesem Quellheiligtum frisches, lebendiges Wasser abzufüllen. Wie bei Adenstedt wird auch hier die ursprüngliche Bezeichnung sich auf das germanische Göttergeschlecht der Asen bezogen haben, also wird der Name Asenteichquelle gewesen sein.

Weitere Dörfer im Anschluss an die obige Karte und der mystische Sackwald.

 

Doch was am imponierendsten ist, ist der Name eines kleinen Ortes am Osthang des Sackwaldes. Ob sie es glauben oder nicht! Etwa 10km südlich von Sibbesse gibt es das Dorf Irmenseul, erstmalig 1298 erwähnt als Ermensulle. Das Dorf trägt also den Namen des sächsischen Heiligtums, das an den Befreier Germaniens erinnert! Zu allem Überfluss gibt es dann noch im südlichen Sackwald ein Tal und eine Straße mit dem Namen Römergrund. Sehr wahrscheinlich ein weiterer Ort, an dem Arminius den Römern das Fürchten gelehrt hat.

Für mich steht fest, dass die Irminsäule ein Denkmal des Cheruskerfürsten Irmin/Armin darstellte. Vielleicht gab es auch mehrere dieser Denkmäler. Reste der durch Karl zerstörten Irminsäule sollen sich laut einer dokumentierten Überlieferung aus dem 16 Jahrhundert im Hildesheimer Dom befinden, womit wir wieder am Beginn unserer lokalen Reise angekommen wären und sich der Kreis um Arminius schließen würde. Doch nicht ganz.

Die Bewohner Irminseuls ließen 1996 eine neue Irminsäule aufrichten. Diese moderne Säule hat zwar keinerlei Bezug zu dem Cheruskerfürsten und es gibt diverse Interpretationen zu dem Thema, aber irgendwie haben die Bewohner instinktiv doch alles richtig gemacht. Denn die Säule steht tatsächlich … auf dem Romberg! Und so grüßt symbolisch der 2000 Jahre alte Held noch heute seine Nachfahren und zeigt ihnen, dass er Rom besiegt hat und er über ihm steht.

Die neue Irminsäule bei Irminseul thront auf dem Romberg. Ein unbewusstes Symbol für den Sieg des Arminius über Rom?

 

Solltest du einmal die Hildesheimer Gegend aufsuchen, erinnere dich an diesen freiheitsliebenden Menschen und denk mal an deine Vorfahren und was sie über all die Jahrhunderte alles auf sich genommen haben, damit es dir heute besser geht.

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