ToGü-Verlag
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Rot sehen!

Aufbauend auf dem letzten Artikel möchte ich mich noch einmal Thor und der Stadt Hamburg nähern. Wieder einmal wird es zum Großteil um das Rechtswesen gehen. Es ist wirklich auffällig, wie oft man auf alte germanische Rechtsbezeichnungen stößt, wenn man sich mit der Thematik beschäftigt. Die GerRechtigkeit muss eine sehr hohe Bedeutung für die Germanen gehabt haben. Doch nun zur Sache:

Hamburgs Stadtkern hat weitere interessante Namensbezeichnungen, wobei die Straße  Rödingsmarkt in der Altstadt sich für das Folgende als Einleitung am besten anbietet.

Von der Straße weiß man, dass dort historisch nie ein Markt abgehalten wurde. Aber was bedeutet der Name dann? Auf der Wikipedia Karte von 1320 heißt die Straße noch Rodingesmarke. Die Mark bezeichnet laut Jakob Grimm eine Grenze oder auch einen Wald. Die heutige Endsilbe „markt“ bezieht sich somit nicht auf den Warenaustausch. Im Wortteil Rodinges entdecken wir zum einen die Farbe Rot und zum andern das uns bereits vertraute Thing/Ding. Rot heißt auf Schwedisch röd. Ein ähnliches Beispiel ist der Ort Rössing im Calenberger Land, der erstmals als Rotthingun erwähnt wurde, das westfälische Rödinghausen oder Rodingen in Luxemburg. Beim heutigen Rödingsmarkt werden sich die Hammaburger somit zum Gerichtsthing im oder am Wald versammelt haben.  

Aber was hat es mit der Farbe Rot auf sich? Haben Sie sich auch schon einmal gefragt, warum uns das Wort Rot so oft in Namensbezeichnungen über den Weg läuft? Wir treffen die rote Mühle, den roten Baum, den roten Bach, die rote Burg, den roten Berg oder die rote Erde. Doch meist findet man an diesen Orten alles Mögliche, nur nichts, was mit der Farbe Rot zu tun hat. Das liegt daran, dass das Wort Rot ursprünglich noch eine ganz andere Bedeutung gehabt hat und zwar eine rechtliche. Zur Verdeutlichung:

-Die fünfte Rune R wird auch als Rune des Rechtes und Richters gedeutet. Manche bezeichnen sie auch als Rit/Rot/Rat Rune.

-Rothari war ein König der Langobarden, der 643 als erster das langobardische Recht niederschrieb.

-In der deutschen Geschichte gibt es eine merkwürdige geheime Gerichtsbarkeit, die Feme. Noch lange nach der Christianisierung verbreitete sie Angst und Schrecken unter den Verbrechern, da die Femgerichte oftmals über Leben und Tod entschieden. Die Ursprünge der Feme und ihrer Freistühle liegen eindeutig im germanischen Recht. Die Edda ist eine Sammlung germanischer Götter- und Heldensagen. Durch sie wissen wir, dass die Asen täglich zu ihrem Thingplatz unter dem Weltenbaum Yggdrasil reiten, um dort zu richten. Die Mitglieder der Feme trafen sich ebenfalls unter Bäumen zum Gericht. Man denke nur an die vielen Gerichtslinden oder die bekannte Donareiche. Der berühmteste, noch erhaltene Baum dieser Art ist die Femeiche von Erle am Rand des sächsichen Hamalandes in Westfalen. Westfalen gilt als das Land der Feme und wird auch als „Rote Erde“ bezeichnet. Es kann durchaus sein, dass der Spruch „Heute rot, morgen tot!“ aus dieser Zeit der Feme stammt.

-Die Ungerechtigkeit wird in der Robin Hood Sage durch den Sheriff von Nottingham (siehe den Ham(m)er kreisen lassen) symbolisiert. Im Umkehrschluss symbolisiert somit Robin die Gerechtigkeit. Der Name Robin ist eine Koseform von Robert. Robert hat sich laut Jakob Grimm aus dem Althochdeutschen Hruodperath und dem mittelhochdeutschen Ruotperht entwickelt. Einer seiner treusten Gefährten ist Will Scarlett. Scarlett ins Deutsche übersetzt heißt scharlachrot. Der Nachname von Locksley ist ein weiterer Hinweis. Der Wortstamm Lock bedeutet sperren, schließen. Und gerechterweise locht Robin am Ende seine Widersacher ein und stellt das Recht wieder her.

Der rote Baum ist ein Hinweis auf einen Thingplatz.

 

-Im Brockhaus von 1973 steht: „ (…) Rot bezeichnet auch die hohe Gerichtsbarkeit (…) Rot war die Tracht des Henkers und anderer Hüter der Ordnung; es ist auch heute noch in vielen Ländern die Farbe der Richtertalare und der Justiz überhaupt.“

-Das höchste Gericht der Bundesrepublik, das Bundesverfassungsgericht, ist die Hüterin des Grundgesetzes und die dortigen Richter tragen rote Roben.

Aus den Erläuterungen ergibt sich, dass der Wortteil rot/rod/röd in Namensbezeichnungen in der Regel nicht die Farbe bezeichnet, sondern ein Hinweis auf altes germanisches Recht ist. Jetzt dürfte klar sein, warum wir so oft auf den Begriff Rot treffen. Und so finden wir in der Mitte Hamburgs nicht nur den Rödingsmarkt, sondern auch die Stadtteile Rothenbaum und Rothenburgsort.

Und wie wir es auch schon aus den anderen „Ach“-Artikeln kennen, treffen wir auch diesmal die Rot/Rod Orte europaweit an. Rothenthurn in Kärnten, unzählige Alpengipfel mit dem Namen Rothorn, Rodby auf der dänischen Insel Lolland, die Rotehorninsel in der Elbe in Magdeburgs Innenstadt, das englische Rotherham, Rodenberg am Deister, Rotterdam in Holland, das Rothaargebirge, Rothenburg in Niederschlesien, usw.

Nähern wir uns nun dem zu Beginn erwähnten Thor. Thor trägt sicher nicht zufällig den Beinamen Rotbart. Wie im Artikel „den Ham(m)er kreisen lassen“ erwähnt, war der Thorstag/Donnerstag der feierliche Tag der Thingeröffnung. Die Schweden bezeichnen einen Feiertag als Röd Dag, also roter Tag. Was für ein schönes Erinnerungszeichen an Rotbart!

Die durch einen Missbrauchsskandal traurige Berühmtheit erlangte englische Stadt Rotherham liegt am Fluss Don. Wir erkennen in Rotherham erneut die Rechtsrune, den Hammer und im Fluss unseren rotbärtigen Thor/Donar.

Ist es Zufall, dass das Gesetzbuch der Juden Thora heißt?

Und jeder kennt die berühmte Kyffhäusersage vom König Friedrich Barbarossa (italienisch für Rotbart), der im Kyffhäuser schläft und wiederkehren wird, um Gerechtigkeit zu üben. Sie übertrug sich im Laufe der Geschichte mal auf den einen, mal auf den anderen Herrscher. Der Chronist “Johann von Winterthur” berichtete 1348: „Er (König Friedrich) wird mit der Herrlichkeit des Reiches zurückkehren (...) und alle Gerechtigkeit erfüllen. Die Pfaffen aber wird er furchtbar verfolgen und die Mönche (...) von der Erde vertilgen.“ Erneut erkennen wir in dieser Sage den Ruf nach Gerechtigkeit.

Der rotbärtige Thor schläft. Aber er wacht auch wieder auf.

 

Was würden die Asen oder die Germanen wohl denken, wenn sie heute durch unser Land reiten würden? Was würden sie dazu sagen, dass Menschen in Mülleimern nach Pfandflaschen suchen, um ihre monatliche Rente aufzubessern, gleichzeitig aber eine Managerin für ein Jahr Arbeit in einer Ethikkommission 12 Millionen Euro Abfindung bekommt? Was würden sie dazu sagen, dass man für die Zerstörung eines Wespennestes drakonisch bestraft wird, gleichzeitig aber ganz legal tausende Tonnen von Insektiziden über Felder versprüht werden? Was würden sie dazu sagen, dass man für Schwarzfahren ins Gefängnis geht, gleichzeitig aber ein Vergewaltiger mit einer Bewährungsstrafe davonkommt? Was würden sie dazu sagen, das man sich über ein auf der Flucht im Mittelmeer ertrunkenes Kind aufregt, gleichzeitig aber unterstützt, ganze Länder zurück in die Steinzeit zu bomben, wobei zigtausende Kinder zerfetzt, verbrannt und zerdrückt werden?  

Ich glaube, sie würden Rot sehen!

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